Drei Jahre danach: Der Terra-Luna-Kollaps und das kollektive Defi-PTSD — Ein Post Mortem

von onchainaustria.at (Dr. Stephan Mauracher)

Viele haben durch den Zusam­men­bruch des Terra-Öko­sys­tems einen Hau­fen Kohle ver­lo­ren — ich ganz beson­ders. Und es ist voll­kom­men ver­ständ­lich, dass wir seit­dem extrem vor­sich­tig gewor­den sind. In gewis­sem Maß lei­det die gesam­te Kryp­to-Com­mu­ni­ty seit­her unter einer Art PTSD, wenn es um DeFi geht.

Alles, was heute mehr als 5 % Ren­di­te abwirft, wird auto­ma­tisch miss­trau­isch beäugt und steht direkt unter „Terra-Luna-Ver­dacht“. Und das ist auch rich­tig so — es gilt, alle Mecha­nis­men kri­tisch zu hinterfragen.

Aber was ist damals wirk­lich pas­siert? Was war der Feh­ler im Sys­tem? War es von Anfang an zum Schei­tern ver­ur­teilt? Hier Nun­mehr 3 Jahre nach dem Vor­fall wird es ein­mal Zeit für mein aus­führ­li­ches Post Mor­tem.

UST und LUNA: Eine algorithmische Symbiose

UST war Ter­ras algo­rith­mi­scher Sta­b­le­co­in. Er bil­de­te ein direk­tes Paar mit LUNA, dem nati­ven Coin der Terra-Block­chain. Das Prin­zip war ein­fach, aber genial:

  • Man konn­te LUNA bur­nen und dafür UST min­ten — im Gegen­wert des aktu­el­len Marktpreises.
  • Und umge­kehrt: UST bur­nen, um LUNA zu minten.

Bei­spiel: War LUNA 50$ wert, konn­te man 1 LUNA bur­nen und 50 UST erzeu­gen. Oder: 50 UST bur­nen, um 1 LUNA zu min­ten. Die­ser Mecha­nis­mus sorg­te dafür, dass UST immer bei 1$ blei­ben sollte.

Das Pro­blem: Sobald viel UST nach­ge­fragt wurde, wurde ent­spre­chend viel LUNA geb­urnt → das redu­zier­te den Sup­p­ly von LUNA → der Preis stieg → man konn­te noch mehr UST pro LUNA min­ten → der Effekt ver­stärk­te sich selbst. Eine klas­si­sche Aufwärtsspirale.

Die Todesspirale war eingebaut

Was viele damals über­sa­hen: Die glei­che Logik funk­tio­niert auch in die ande­re Rich­tung. Wenn Ver­trau­en schwin­det und UST ver­kauft wird, wird UST geb­urnt und LUNA gem­in­tet → der LUNA-Sup­p­ly explo­diert → der Preis crasht → noch mehr UST muss geb­urnt wer­den → noch mehr LUNA ent­steht → Todes­spi­ra­le.

Diese Mecha­nik war inhä­rent — aber sie wurde durch wei­te­re Fak­to­ren beeinflusst.

Die Sache mit dem Markt

Der LUNA-Preis wurde nicht nur durch den Burn/­Mint-Mecha­nis­mus beein­flusst, son­dern auch durch Nach­fra­ge­fak­to­ren wie:

  • Spe­ku­la­ti­on
  • Sta­king (LUNA als Collateral)
  • Trans­ak­ti­ons­ge­büh­ren

Das alles trieb den Preis zusätz­lich. Dadurch konn­te mehr UST pro LUNA erzeugt wer­den, als allein durch das reine Sup­p­ly-Ver­hält­nis gerecht­fer­tigt war.

Beim Ein­set­zen der Abwärts­spi­ra­le funk­tio­nier­te das genau­so — nur schlim­mer. Der Preis­ver­fall wurde durch Panik an den Märk­ten ver­stärkt. Die Todes­spi­ra­le war nicht nur eine mathe­ma­ti­sche Glei­chung — sie war auch eine emotionale.

Nach unten war es schlim­mer, als es nach oben gut war.
Panik ist stär­ker als Euphorie.

Warum UST trotzdem lange stabil blieb

Trotz allem blieb UST lange sta­bil — selbst als LUNA mehr­fach über 50 % fiel.
Warum?

Ant­wort: Puffer

  1. Liqui­di­täts­pools: Auf CEXs und DEXs konn­ten große Men­gen an LUNA und UST gehan­delt wer­den, ohne sofort Preis­druck zu erzeugen.
  2. Curve Finan­ce: UST war dort in einem gro­ßen Pool mit USDT, USDC und DAI. Ver­käu­fe von UST konn­ten so abge­fe­dert werden.

Solan­ge diese Puf­fer funk­tio­nier­ten, blieb UST stabil.

Die Bitcoin-Reserve: Gute Idee, falsche Umsetzung

Die Terra Foun­da­ti­on baute über Jahre Kapi­tal auf. Sie war sich des UST-Depeg-Risi­kos bewusst und plan­te ein Backup-System:

Bit­co­in als Reserve.

Im Kri­sen­fall soll­ten BTC ver­kauft und UST auf­ge­kauft wer­den, um den Peg zu halten.

Warum Bit­co­in und kein Sta­b­le­co­in? Man woll­te unab­hän­gig von zen­tra­len Play­ern wie Tether oder Cir­cle blei­ben — Stich­wort: Dezen­tra­li­tät. Viel­leicht spiel­te auch Gier eine Rolle: Bit­co­in als Asset soll­te selbst im Wert steigen.

Doch genau hier lag der Fehler:

Bit­co­in ist von Natur aus vola­til und in Stress­pha­sen zu illiquide.

Als BTC ver­kauft wurde, um UST zu stüt­zen, fiel der BTC-Preis — und löste noch mehr Panik aus. LUNA folgte.

Anchor Protocol: Rendite, aber kein Gleichgewicht

Und dann war da noch das Anchor Pro­to­col — berüch­tigt für die 20% fixe Ren­di­te auf UST-Einlagen.

Ein rie­si­ger Nach­fra­ge­trei­ber für UST — aber eben spä­ter auch ein mas­si­ver UST-Emit­tent. Anchor war das Gegen­teil eines Puffers.

War es ein Ponzi? Nicht direkt.

  • Bor­row-Zin­sen: Ein­ge­leg­te UST wurde ver­lie­hen gegen hin­ter­leg­tes Kol­la­te­ral und Zins­zah­lun­gen (wie bei Aave). = + 5 — 15% Zinsen.
  • Sta­king-Zin­sen: Kol­la­te­ral (LUNA, ETH) wurde vom Pro­to­koll gesta­ket. = + 5–15% Zinsen.
  • Diese Sta­king-Zin­sen (aus Infla­ti­on und Gebüh­ren) + Bor­row-Zin­sen flos­sen zurück. = 10–30% Rendite
  • Über­schüs­se wan­der­ten in die Tre­asu­ry, Defi­zi­te wur­den von die­ser kom­pen­siert. So kam man zu den 20%.

Aber: Über Zeit gab es eher Defi­zi­te (<20%). Die Terra Foun­da­ti­on muss­te die Lücke schlie­ßen und spä­ter die APY auch auf z. B. 18 % senken.

Soweit lief alles „gut“. Der Algo­rith­mus funk­tio­nier­te, der Markt war eupho­risch, die Puf­fer stark, und es gab sogar eine BTC-Reserve.

Der perfekte Sturm: Mai 2022

Dann kam der Anfang vom Ende:

  1. Zins­wen­de in den USA Ende 2021: Kryp­to­märk­te crash­ten. BTC von 69K auf 40K. LUNA fiel, erhol­te sich noch ein­mal im April 2022 auf eine neues ATH.
  2. Angriff auf Anchor durch Magic Inter­net Money (MIM): Eine kon­stan­te Atta­cke auf die Tre­asu­ry, die die 20 % APY garan­tie­ren soll­te. Die Tre­asu­ry wurde lang­sam geleert. Resul­tat, aus dem Anchor Pro­to­koll flos­sen UST ab.
  3. Zen­tra­li­sier­te Play­er wie 3AC, Cel­si­us & Co kol­la­bier­ten: Liqui­da­ti­ons­wel­len wur­den ausgelöst.

UST blieb den­noch sta­bil — bis zum 7. Mai.

Der Todesstoß: Der Curve-Pool-Moment

Am 7. Mai woll­te Do Kwon die kom­plet­te UST-Liqui­di­tät aus Curve’s 3Pool in den 4Pool ver­schie­ben — ein tech­ni­scher Schritt. Doch damit war der große Puf­fer kurz­fris­tig offline.

Ein Angrei­fer — ver­mut­lich ein Insi­der — nutz­te die Gelegenheit:

  • Ver­kauf­te rie­si­ge Men­gen UST auf DEXs
  • Ging ver­mut­lich gleich­zei­tig short auf LUNA und UST

UST depegg­te sofort um meh­re­re Pro­zent. Panik brach aus. Jeder woll­te raus.

Die Todes­spi­ra­le begann.

Do Kwon tweete­te noch:
„Ste­ady lads, deploy­ing more capi­tal“
— gemeint war der Ver­kauf der BTC-Reser­ven. Doch der BTC-Preis fiel dadurch noch stär­ker, und die Panik wei­te­te sich auf den gesam­ten Kryp­to­markt aus.

UST wurde geb­urnt, LUNA gem­in­tet — in expo­nen­ti­el­len Men­gen. LUNA ver­lor bin­nen ein paar Tagen 99 % sei­nes Werts. Der Algo­rith­mus geriet außer Kontrolle.

Der letzte Versuch: LUNA 2.0

Do Kwon ver­such­te zu ret­ten, was zu ret­ten war. Eine neue Chain (LUNA 2.0) wurde gebo­ren — ohne UST, mit einem Air­drop vom LUNA-Hal­ter-Sta­tus vor dem Crash.

Doch das Ver­trau­en war weg. LUNA 2 fiel eben­falls über die nächs­ten Monate.

Fazit: War es unvermeidlich?

War das Terra-Sys­tem von Anfang an zum Schei­tern verurteilt?

Man kann das so sehen. Aber man kann auch argumentieren:

  • Der Algo­rith­mus funk­tio­nier­te über lange Zeit stabil.
  • Selbst bei mehr­fa­chen LUNA-Cra­s­hes hielt UST.
  • Das Sys­tem schei­ter­te erst, als meh­re­re nega­ti­ve Fak­to­ren gleich­zei­tig eintrafen.

Ähn­lich wie bei Fuku­shi­ma und Tscher­no­byl muss­ten meh­re­re Pro­blem-Ereig­nis­se und Sicher­heits­me­cha­nis­men gleich­zei­tig ein­tre­ten bzw. ver­sa­gen, damit das gesam­te Sys­tem kol­la­bie­ren konnte.

So ist DeFi wie Atom­kraft — es kann lange gut und sta­bil funk­tio­nie­ren, aber führt im Ernst­fall zum Totalverlust

Den­noch, kri­ti­sche Feh­ler, die im Vor­feld hät­ten beho­ben bzw. ver­hin­dert wer­den müs­sen, waren:

  • Der künst­lich hoch­ge­hal­te­ne 20%-Zins bei Anchor.
  • Die Reser­ve in BTC statt in Sta­b­le­co­ins oder sogar Fiat.
  • Das Infor­ma­ti­ons-Lea­k­en des Zeit­punkts für den Curve-Pool-Switch.

Dann viel­leicht hätte das Sys­tem über­lebt, auch wenn die Märk­te insta­bil geblie­ben wären, die Puf­fer aber stär­ker gewe­sen wären und Anchor recht­zei­tig ein Gleich­ge­wicht gefun­den hätte.

Öko­no­misch abge­si­chert, dezen­tral, mit ech­ten Use Cases — viel­leicht wäre es lang­fris­tig trag­fä­hig gewesen.

Man sieht: Auch Bit­co­in (PoW) und Ethe­re­um (PoS) sind nur öko­no­misch abge­si­chert. Es exis­tiert theo­re­tisch das Risi­ko eines Angriffs (z.B. 51 %-Atta­cke). Aber nie­mand hat das Kapi­tal — oder die Moti­va­ti­on — ihn durchzuführen.

Wären UST und LUNA wei­ter gewach­sen, die Reser­ve robus­ter und die Nach­fra­ge nach­hal­ti­ger gewe­sen — viel­leicht hätte sich das Sys­tem, ähn­lich wie Bit­co­in, in einen Zustand ent­wi­ckeln kön­nen, der es außer­halb der Reich­wei­te eines öko­no­mi­schen Angriffs positioniert.

Was bleibt, ist ein kol­lek­ti­ves Trau­ma.
Und die Lehre: DeFi ist nicht nur Code — es ist auch Marktpsychologie.